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Wie geniesst man gewöhnliche Tage?

10. April 2025 admin

Geniessen? Wie geht das? Was meinen wir damit? Erwarte ich Genuss von fröhlichen Menschen, herrlichem Frühlingswetter und gutem Essen? Sicher. Unbedingt. An einem gewöhnlichen Dienstag lerne ich dazu: am Anfang von Genuss steht auch meine Entscheidung, meine Orientierung, meine Ausrichtung, aufmerksam nach Genuss Ausschau zu halten. 

Heute ist ein gewöhnlicher Tag, ein Alltags-Dienstag.

Ich entschliesse mich immer wieder und rede mir gut zu: «Diesen Tag will ich geniessen! Wer weiss, vielleicht zeigt sich eine Genuss-Chance?» 

In meiner Agenda steht nichts Aussergewöhnliches. Kein besonderer Termin mit einem Menschen, auf den ich mich freue. Das war letzte Woche. Keine Sternenküche, kein Champagner, kein Ausflug, nein, heute ist ein gewöhnlicher Dienstag, ein Alltag (so wie die meisten Tage). Und ich will diesen Alltags-Dienstag geniessen, was von ihm haben, ihn nicht gelangweilt verplempern. 

Wie geht das zu, einen gewöhnlichen Dienstag geniessen? 

Jetzt ist es 10 Uhr. Ich denke nach.

Dieser Tag hat gut angefangen. Mit meiner Lieblingsmahlzeit, dem Frühstück! In unserer kleinen Küche mit einer gutgelaunten Partnerin. Mit dem Genussmittel Kaffee aus der Bialetti. Erdbeerenkonfitüre, Käse aus dem Tessin und einem kleinen Glas Wiesenblüten-Honig von einem Imker mit Namen Stöckli (ich denke an Bienenstöckli) vom Blumenweg. Gibt es eine bessere Adresse, einen besseren Namen für Bienenhonig? Auf dem kleinen Glas finde ich drei Schweizerkreuze. Schweizer Honig. Die Bienen fliegen keinen Flügelschlag über die hier sehr nahe Landesgrenze. Sie kennen sich aus, es sind swisshoney-Bienen. Kontrollierter Qualitätshonig. Es witzt auf dem kleinen Glas. Erfrischender Schabernack. Und der Honig mundet!

Hat dieser heutige Dienstag nicht wunderbar angefangen? Aber erst beim Nachdenken, beim Hinterherdenken beginne ich zu staunen, mich zu verwundern, wie ungewöhnlich dieser gewöhnliche Dienstag angefangen hat. 

Wie geht das zu, einen gewöhnlichen Dienstag geniessen? 

Wie an Ostern muss ich Hasen und Eier im Gras des Alltags vermuten und nach Überraschungen Ausschau halten. Wer weiss, vielleicht zeigt sich was? Ein kleines Honigglas ist manchmal gross genug. 

Ein Nachtrag, ein Zufallsfund aus einem Text von 1901 (Theodore Parker), auf den ich nicht verzichten will. Er regt mein Nachdenken über «Geniessen in gewöhnliche Tagen» an:

«Von meiner frühesten Kindheit an, als ich durchs Gras stolperte, … bis zum graubärtigen Mannesalter von heute hat es keinen Tag gegeben, von dem ich nicht Honig im Bienenstock des Gedächtnisses übrigbehalten hätte, der mich heute zu meiner Freude nährt. Wenn ich mir die Jahre zurückrufe … bin ich voll süßen Empfindens und voller Verwunderung darüber, dass so kleine Dinge einen Sterblichen so überaus reich machen können.»

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